SYNOPSIS - maximage gmbh

ACCORDION TRIBE Kino-Dokumentarfilm, CH/A 2004

Buch und Regie: Stefan Schwietert

Akkordeon einmal ganz anders: eine Reise zu den Wurzeln und in das musikalische Universum von fünf eigenwilligen AkkordeonistInnen aus fünf verschiedenen Ländern, auf Tour und vereint im "Accordion Tribe".

Fünf höchst eigenwillige Musiker aus verschiedenen Ländern formieren sich zum «Accordion Tribe» und vollbringen das Kunststück, ihr lange Zeit verschmähtes Instrument wieder in jenes Kraftwerk der Gefühle zu verwandeln, als das es einst in aller Welt Verbreitung fand. Der Film folgt diesen erregenden Klanglandschaften von trancehafter Intensität und deren charismatischen Schöpfern auf ihrer Reise durch ein Europa, dessen reiches musikalisches Erbe für die Bodenhaftung bei den gewagten Höhenflügen im Stamm der virtuosen Handorgler sorgt. Spurensuche und Neuschöpfung,Tradition und unbedingte Zeitgenossenschaft, Fragment und Gleichzeitigkeit: verkörpert in einem spannenden und emotional mitreissenden musikalischen Projekt. Der Film widerspiegelt in diesen Klängen und Menschen entscheidende Züge unserer gegenwärtigen Welterfahrung.

DER REGISSEUR ZU SEINEM FILM:
Vorgeschichte:
Ich habe das Akkordeon in meiner Jugend gehasst. Die Radiosender spielten damals tagein und tagaus heimatliche Volksmusik und der immer gleich tönende Klang der Handorgeln dröhnte einem in den Ohren... Später, auf den Reisen für meine Musikfilme, traf ich in den verschiedensten Ländern auf Akkordeonspieler, die dem Instrument für mich fremde und faszinierende Klänge und Melodien entlockten. Ich entdeckte das Instrument völlig neu und begann mich für das "Phänomen Akkordeon“ zu interessieren: Das Akkordeon ist ein frühes Produkt des Industriezeitalters, ein junges Instrument erfunden im 19. Jahrhundert in Wien. Durch die Massenherstellung war es billig zu erwerben und wurde zum Klavier der armen Leute. Seine Lautstärke und klangliche Vielfalt halfen mit, ganze Orchester in den Wirtshäusern wegzurationalisieren und diese durch Ein-Mann-Bands zu ersetzen. Auswanderer trugen das Instrument in die ganze Welt. Überall, wo es hinkam, fand es schnell Einzug in die lokalen Musikkulturen und verdrängte dort heimische Instrumente. Somit ist die Quetschkommode auch ein früher Vorreiter der Globalisierung. Zumal in jüngster Zeit auch das umgekehrte Phänomen zu beobachten ist: Nachdem es seit den 50er Jahren ständig an Popularität verloren hatte, erlangte das Akkordeon mit Interpreten aus aller Welt im Zuge des World Musik Booms auch bei uns wieder neue Wertschätzung.
Der Film:
Ein Film über das Akkordeon sollte für mich von Anfang an ein Film werden über die Menschen, die es spielen. Während der Recherchen traf ich auf Otto Lechner, einen blinden Akkordeonisten aus Wien, dessen Musik mich besonders in ihren Bann zog: Er spielt virtuos mit den verschiedensten Musikstilen und entwickelt mit der Handorgel einen mitreissenden Swing. Otto erzählte mir von einem aussergewöhnlichen Projekt: 1996 wurde er von Guy Klucevsek, einem amerikanischen Musiker, kontaktiert. Guy hatte alle seine Lieblingsakkordeonisten für eine Tournee angefragt. Er wollte dem Publikum zeigen, dass auf dem Instrument wesentlich mehr möglich ist, als es sein Ruf als reines Interpreteninstrument bisher glauben liess. Auf der Bühne präsentierten sich schliesslich fünf grossartige Akkordeonisten, die Musik eigens für das Akkordeon kreiert haben. Während der Tournee intensivierte sich das Zusammenspiel der Musiker. Sie entwickelten gemeinsame Stücke, in denen drei, vier oder sogar alle fünf Akkordeons zu hören waren. Das setzte grosse musikalische Freiheit und Einfühlungsvermögen jedes einzelnen voraus. Ein ungewohnter, magischer, berauschender Sound entstand. Die dreiwöchige Tournee von damals wurde legendär. Als die Musiker beschlossen, 2002 ein zweites Mal auf Tournee zu gehen und eine gemeinsame CD aufzunehmen, war mir klar, dass ich meinen Film gefunden hatte. Ich besuchte die Musiker zu Hause in Wien, Slowenien, Finnland, Schweden und New York und lernte fünf Künstler kennen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder hatte seine ganz eigene Akkordeonmusik entwickelt, beeinflusst von den verschiedenen Temperamenten und Heimatländern. Dennoch war bei allen Musikern spürbar, dass durch das Akkordeon ein Teil ihrer Wurzeln in der Volksmusik liegt. Jeder hat dieses "gesunkene Kulturgut“ wie der Schwede Lars Hollmer es einmal nennt, auf ganz persönliche Art in seiner Musik weiterentwickelt. Ich habe vor ACCORDION TRIBE zwei Kinofilme über untergehende (Volks)musikkulturen gedreht. Mit diesen fünf Musikern war es mir nun möglich, etwas darüber einzufangen, wie sich Musik im Laufe der Zeit verändert und wie aus den alten Traditionen wieder etwas neues entsteht: How music travels.

WIE ALLES ANFING

Ohne die Initiative von Guy Klucevsek , der sich mit der Gründung des Accordion Tribe einen lang gehegten Wunsch erfüllt hat, hätte sich dieses hochkarätige Ensemble in der heutigen Form wohl nie gefunden. Er hat durch seine Erfahrungen im Dunstkreis des New Yorker Improvisations-Gurus John Zorn gelernt, dass die Zusammenführung der richtigen Leute zur richtigen Zeit schon eine künstlerische Tat bedeuten kann und im geglückten Falle Energien freisetzt, die sich jedem vorauseilenden Kalkül entziehen.
Guy Klucevsek erzählt: “Mit 8 begann ich Akkordeon-Unterricht zu nehmen. Damals gab es ganze Musikschulen, die nur Akkordeon unterrichteten. Dort gab es immer Ensembles von Schülern, die in Duos, Trios und sogar ganzen Orchestern spielten. Im Nachhinein scheinen einige der Adaptionen, die sie da spielten, ziemlich bizarr. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein nationales Akkordeonfestival, auf dem es Versionen von Beethovens Fünfter und Bartoks Concerto für Orchester zu hören gab. Trotzdem hat mich der Klang der Akkordeon-Orchester immer fasziniert und angezogen. Ende der 70er Jahre schlug ich einem Veranstalter in Philadelphia ein Solo-Konzert vor. "Nur Akkordeon - wer will denn das hören?“, fragte er. Nach einem Wortwechsel über Kunst gegen Unterhaltung, Risiko gegen Althergebrachtes merkte ich, dass ich ihn so nicht überzeugen konnte. So sagte ich: "Sieh mal, ich arbeite seit einiger Zeit mit der Akkordeonistin Pauline Oliveros zusammen. Sie ist bekannter als ich und vielleicht bekommen wir so ein grösseres Publikum?“ "Zwei Akkordeons“, antwortete er verblüfft, "das ist ja noch schlimmer!“ Es war eine Zeit, in der es schwierig war, mit Akkordeonmusik irgendwo zu landen. Doch die Idee, mit mehreren Akkordeons aufzutreten, liess mich nicht mehr los.
Und 1996 war die Zeit dann reif für ein solches Projekt. Die Grösse der Formation sollte überschaubar und musikalisch sinnvoll bleiben. Fünf Musiker erschien mir die richtige Zahl. Ich wollte Akkordeonisten, die auch selber Musik für das Akkordeon komponieren. Es gibt zwar heute Akkordeon-Spieler in allen musikalischen Sparten, aber immer noch sehr wenige, die Musik für das Akkordeon selbst komponieren.
Lars Holmers Musik kannte ich schon lange. Er ist einer meiner drei, fünf Lieblingskomponisten. Als ich sein Stück “ Boeves Psalm” zum ersten Mal hörte, kamen mir die Tränen. Das ist eine der schönsten Melodien, die je geschrieben wurden, und sie wurde inzwischen ja auch in hunderten von Versionen aufgenommen.
Von Maria Kalaniemi hörte ich zum ersten Mal in einem Plattenladen in Portland, Maine. Ich wusste sofort, dass ich hier auf eine Künstlerin von ungewöhnlichem Talent gestossen war. Ihr Akkordeon-Spiel ist so virtuos und ihre stilistische Bandbreite, die expressive Art zu spielen, hatte ich so vorher noch nie gehört. Und, als würde das nicht genügen, war da noch ihr wunderschöner Gesang.
Bratko Bibic und ich spielten vor ein paar Jahren am gleichen Abend auf einem Akkordeonfestival in Brüssel. Ich war von der manischen, obsessiven Kraft angetan, die Bratkos Spiel und seine Stücke ausmachten. Er hat eine eigenwillige Art zu spielen, die sich nirgends einreihen lässt und zu der nur Menschen gelangen, die keine Angst davor haben, tief aus ihrem Unterbewusstsein heraus zu schöpfen.
Otto Lechner war der einzige, den ich vorher nicht kannte. Er wurde mir von meinem Agenten Lutz Engelhardt vorgestellt und war die grösste Überraschung! Was ich in der Musik von allen vieren hörte, war Originalität, Humor und Einflüsse, die sie nicht nur aus der eigenen Volksmusik, sondern aus den Musiken der ganzen Welt schöpften. Ich dachte, diese drei Dinge könnten ein Aufhänger für uns sein, um etwas Gemeinsames zu schaffen, auch wenn wir aus so unterschiedlichen Welten kamen. (...)
Das verrückteste für mich in meiner über 40 Jahre dauernden Karriere als Akkordeonist sind die dramatischen Imagewechsel, die das Instrument seither In der Öffentlichkeit durchgemacht hat. Als ich 1952 anfing zu spielen, war das Akkordeon das populärste Instrument in Amerika. Ende der 50er Jahre hatte die Gitarre das Akkordeon abgelöst. In den 60er und 70er Jahren war das Akkordeon völlig aus der Mode. Nicht nur dass wenige Leute es spielten, auch seine Zukunftsperspektive schien auf Kitsch und Nostalgie reduziert. Aber die Explosion in der “World-Music” hat das Akkordeon wieder in Mode gebracht. Es tauchte nicht nur in den Bands aus Texas, Louisana, Brasilien, Argentinien, der Domenikanischen Republik oder Süd-Afrika auf, sondern auch in der westlichen Pop-Kultur. Paul Simon, Los Lobos, Ry Cooder und Tom Waits, sogar die Rolling Stones benutzten das Akkordeon.”
Guy Klucevesek